Festschrift – Einige Gedanken zur Berufsarmee

Oberstleutnant Mag. Hans Edelmaier:
Einige Gedanken zur Berufsarmee

Die Armee einer freien Nation repräsentiert ihre Bevölkerung.
Wenn das Volk die Armee ist und die Armee das Volk, dann existiert die Gefahr nicht, dass die Armee die Macht ergreifen könnte.
Eine Berufsarmee ist nur so lange keine Gefahr für den Staat, als sie zu klein ist, um eine zu werden.
Und dann ist sie vielleicht auch zu klein, um diesen Staat wirkungsvoll zu schützen!

(Jeff Cooper in ,To Ride, Shoot Straight and Speak the Truth’, S. 88.)

Der Begriff der „Professionalisierung” ist schon vor längerer Zeit ins Weichbild der Armeen eingedrungen und hat sich dort breit gemacht. Er meint, dass die Soldaten nicht mehr eher dürftig ausgebildete Wehrpflichtige sind, deren Dienstdauer immer aufs Neue von den ewigen Wehrdienstzeitverkürzern in die parlamentarische Diskussion gezerrt wird, sondern aus Berufssoldaten: „Professionell“ ausgebildet, modernst ausgerüstet, also das Urbild von Effizienz und Durchschlagskraft.

Das klingt plausibel. Nervös macht, dass diese Idee kaum von Truppenoffizieren ins Spiel gebracht wird, sondern von Militärverwaltern in den Tintenburgen der Administration mit gefährlicher Nähe zur Politik.

1. Profi und Amateur

Der „Profi“ ist einer, der einer Tätigkeit von Berufs wegen nachgeht und seinen Job daher besonders gut kann. Herablassend blickt er auf den „Amateur“, der in seinem Metier herumdilettiert und mangels professioneller Ausbildung ihm niemals das Wasser reichen kann.

Dieses Axiom ist so penetrant unwidersprochen, dass allein das zum Widerspruch reizen muss. Der „Profi“ ist wohl einer, der einen Beruf hat, aber der Amateur ist jener, der im Wortsinne eine bestimmte Tätigkeit liebt und sie daher mit besonderem Eifer ausfüllt. Der „Profi“, von der Eintönigkeit seines Jobs genervt, sucht seine Tätigkeit mit Minimalaufwand zu erledigen, weil er nach Dienstschluss seinem Hobby als „Amateur“ frönen will.

„Der Amateur sucht Perfektion, der Profi den Durchschnitt“ hat das einmal ein gescheiter Mann ausgedrückt und auf das Schießen umgelegt: Der Amateur will möglichst viele Ringe schießen, der Profi will die Bedingung erfüllen.

Dieser Gedanke mag keine unumschränkte Gültigkeit besitzen, aber er möge ein Sensorium für die Schattenseiten des Berufssoldatentums entfalten. Auch im Bundesheer (und in der Exekutive sowieso) gibt es in etlichen Bereichen seit langem „professionelle“ Zustände. Wer Gelegenheit hat, dort Einblick zu nehmen, erkennt unschwer, dass nicht selten die Ausfüllung des Berufs in der „Kollegenschaft“ oft kein Thema ist, sondern man vielerorts kleinkarierte Eifersüchtelei und Eitelkeit antrifft.

2. Der Dilettantismus der Profi

„Profi” sind professionell und damit gut ausgebildet, so die These. Das bestreite ich auf das Heftigste, denn die jüngere Entwicklung des Bundesheeres widerlegt das eindeutig.

Wohl herrscht allerorten das Bemühen um bessere Bildung: Englischkenn­tnisse beispielsweise sind heutzutage in der jungen Berufssoldatengeneration selbstverständlich und Militärakademiker werden nicht mehr bloß ausgemustert, sondern spondieren. Und auch der angehende Unteroffizier besucht nicht mehr eine Schule, sondern eine Unteroffiziersakademie. Und eine Fakultät wird sich für beide irgendwann auch noch auftreiben lassen.

Für die Bildung wird also enorm viel getan. Dass das für die Fachausbildung auch zutrifft, kann ich nicht sehen:

Die Verweildauer der angehenden Offiziere und Unteroffiziere an den Waffenschulen erfährt seit Jahrzehnten eine beständige Reduktion zugunsten des allgemeinen Bildungsangebots.

Aber vom Soldaten in Kampf und Gefecht wird das Beherrschen eines Handwerks gefordert. Wer der Ansicht ist, Kampf und Gefecht seien eine Kunst, die akademische Studiengänge erforderlich macht, der wird Künstler um sich scharen. Mit denen mag anregend zu plaudern sein, aber wer Feuerunterstützung sucht, ist bei ihnen zweifelsfrei an den Falschen.

Man kann sich allerdings des Eindrucks nicht erwehren, dass das militärische Handwerk in der eigenen militärischen Führung keine Akzeptanz mehr findet. Symptom dafür ist beispielsweise die Zeitschrift „Truppendienst“, die sich seit vielen Jahren nicht mehr um den Dienst in der Truppe kümmert, sondern zu einer Art wehrpolitischem Blatt degeneriert ist

Da hat schon auch das Milizsystem eine Rolle gespielt: Angesichts der Soldatenschwemme (dreihunderttausend hätten es ja sein sollen) hatte das Aktivkader alle Hände voll zu tun, Gefechtsstände und Administration zu besetzen. Im Schützengraben hat die Miliz (und sonst kaum wer) gekämpft. Jetzt angesichts der Kräftereduktion die in den beheizten Gefechtsständen ausgebreiteten Stäbe auszukämmen und der Truppe zuführen zu können, ist wohl Illusion.

Die Menschheit besteht aus Jägern und Sammlern – immer noch. Die Zivilisation hat daran kaum etwas geändert. Das ist auch nicht schlimm und auch in den Streitkräften haben beide ihren Platz. Wenn aber die Sammler überhand nehmen, dann halten sie früher oder später die Hebel in Händen, weil ihre Argumente dem Wollen der Bevölkerung näher sind und in der Politik daher auch mehr Verständnis finden als jene der Jäger.

Will man wirklich ein Heer aus Sammlern zu Berufssoldaten machen?

3. Der Traum von großen Geld

Eine Berufsarmee im Auslandseinsatz ist das Schaufenster des Staates. Sie ist vorzüglich ausgerüstet und bezahlt. Klar: Wer die Söhne (und mittlerweile auch Töchter) des Landes ins Feuer schickt, will ihnen ihre Aufgabe so kraftsparend wie möglich gestalten. Er muss sie gut bezahlen, weil sie sonst nicht ins Feuer wollen, und er muss für sie sorgen, um die Triebfeder, sich zum Militär zu melden, nicht erlahmen zu lassen.

Das ist merkwürdig: Die Geschichte zeigt nämlich mit monotoner Regelmäßigkeit, dass die Gemeinwesen genau das nicht tun. Der Söldnerbegriff ist heutzutage überaus negativ belegt. Dabei bezeichnet er lediglich einen Mann, der im Sold eines Souveräns steht. Alle Söldner der Kriegsgeschichte aller Zeiten und aller Regionen haben so lange loyal gedient, als sie bezahlt wurden. Und ebenso monoton hat man sie nicht bezahlt und damit Söldnermeutereien provoziert. Trifft die Schuld den Söldner oder den Dienstherrn? Und nachdem die Dienstherrn und Souveräns am längeren Hebel hocken, haben sie alles getan, um den Söldner der Untreue zu bezichtigen und in Verruf zu bringen, um ihren eigenen Vertragsbruch zu kaschieren.

Gemeinwesen haben von Berufsheeren immer Loyalität verlangt, ihnen aber nur selten (und nie auf Dauer) Loyalität angedeihen lassen.

Das vor allem deshalb, weil der Berufssoldat eine begrenzte, abgrenzbare und damit auch einfach ausgrenzbare Berufsgruppe bildet. Es ist politisch wesentlich opportuner, im Zweifelsfall die Berufssoldaten fallen zu lassen, weil damit die Sympathie nicht sonderlich sinkt.

Berufssoldatentum hat nur eine Zukunft, wenn der Staatssäckel prall voll ist. Aber auf diesen Staatssäckel sind alle Begierden fokussiert und dem Militär zollt nur der Imperialist das nötige Geld. Den Imperialismus haben wir überwunden. Lobbys und Interessensgemeinschaften wollen Geld, das der Finanzminister nicht hat; will er ihren Wünschen nachgeben, muss er es anderen wegnehmen. Die, die sich dagegen am wenigsten wehren werden, sind die Berufssoldaten, weil sie zu wenig sind, um Gehör zu finden und weil sich die Apostel im Frieden leicht tun, das Verschwinden von Bedrohungen zu beschwören.

Das hat schon sehr früh begonnen: Die B-Gendarmerie war eine frühe Form eines Berufsheeres und sie bot, was damals im Nachkriegsösterreich nicht selbstverständlich war: Einen sicheren Job! „ Wir waren Freiwillige, daher galt: Halt den Mund und diene, wer nicht spurt, der fliegt! Wir erwarteten uns nichts und konnten daher auch nicht enttäuscht werden“, erinnert sich ein früher Hilfsgendarm (HiGe): „Verpflegung und Unterkunft waren umsonst, der Verdienst war brauchbar, es gab etwa 960 Schilling im Monat. Gefördert und bezahlt wurden wir von den Ame­rikanern. Wir waren ihren Soldaten gleichgestellt, gleich viel wert, die Einheiten (Unterabteilungen) gleich ausgerüstet und gleich teuer. Bekam damals der gewöhnliche US-Soldat 90 US $ plus Tren­nungs­zulage, so bekam der österreichische HiGe etwa 45 US $, den Rest behielt der Staat ein – es waren dies seine ersten regelmäßigen Deviseneinnahmen.

Im Oktober 1956 rückten die ersten wehr­pflich­tigen Soldaten ein, als Taggeld gab es 3,50 Schillinge – das reichte gerade für ein Bier. Erst später wurden es fünf Schillinge.

4. Mittlerweile eine österreichische Tradition

In Österreich ist das zweite Bundesheer mittlerweile fünfzig Jahre alt geworden und es hat bereits kräftig wirksame Traditionen entwickelt. Eine davon ist sein gestörter Umgang mit Berufssoldaten. Ein kleines Kader aus Berufsoffizieren und -unteroffizieren sollte mit Zeitsoldaten umgeben sein. Diese Zeitsoldaten sollten eine bestimmte Zeit bei möglichst geringem Gehalt dienen und nach einigen Jahren das Bundesheer spurlos wieder verlassen.

Die teuersten Soldaten waren in der Aufbauzeit die ins Bundesheer übernommenen ehemaligen B-Gendarmen, die mit Sondervertrag und ungefähr 1.200 Schilling Gehalt weiterdienten. Das war zu teuer! Ab 1957 führte man daher den zeitverpflichteten Soldaten (zvS) ein, der sich mit monatlich 650 Schilling begnügte (Unterkunft und Verpflegung waren umsonst) und spätestens nach neun Jahren abrüstete. Aber das Bundesheer ist nie aus seiner Geldnot herausgekommen, auch bei ihnen hat man Einsparungsmöglichkeiten gesehen. So wurde der „freiwillig verlängerte Grundwehrdiener“ (fvGWD) kreiert, der der Rechte des zvS als Beamter auf Zeit verlustig ging und rechtlich nur noch den Status eines Rekruten hatte. Aber auch er belastete den leeren Budgettopf für Personalaufwand und so ersann man den „Zeitsoldaten“ (ZS), der ein paar Rechte zugestanden erhielt und aus dem Sachaufwand bezahlt wurde.

Als Fazit jedenfalls sollten sich alle angehenden Profisoldaten die Vorstellung aus dem Kopf schlagen, sie könnten in einer Berufsarmee in Österreich gut verdienen! Und weil das ausgeschlossen ist, haben die Politiker, die das Bundesheer (immer schon) verbessern wollten, auch nie von Gehalt, sondern immer nur von Attraktivität gesprochen.

4. Schlussfolgerung

Ich habe meine persönliche Schlussfolgerung als Zitat an die Spitze dieses Aufsatzes gestellt. Die Ablehnung einer Berufsarmee gründe ich auf folgende Thesen:

  1. Eine Armee ist ein Instrument des Gemeinwesens, es muss diesem nützlich sein und es muss daher von diesem gewollt sein. Trifft das nicht zu, wird sie zum Fremdkörper, der früher oder später abgestoßen wird.
  2. In einer Armee muss das gesamte Volk verkörpert sein, am besten dadurch, dass jeder Staatsbürger, der seine staatsbürgerlichen Rechte beansprucht, darin gedient haben muss. Es ist offenkundig, dass dieser Zustand in Österreich nicht mehr gegeben ist. Damit sollte es aber auch offenkundig sein, dass wir uns in einer Phase des gesellschaftlichen Zerfalls befinden.

So lange Jäger in der Überzahl sind, wird es ihnen nicht einfallen, am Volksheer zu rütteln. Wenn allerdings die Sammler überhand nehmen, denen es im Schützengraben zu ungemütlich ist und die sich nicht die Blöße geben mögen, beim Gefechtsdienst im Regen (oder bei der Nächstenhilfe im Katastrophenfall) zu versagen, dann werden sie die Institution in Frage stellen, um selbst nicht in Frage gestellt zu werden. Zumal es bei weitem attraktiver ist, Katastrophen und Kriege in beheizten Stuben zu administrieren als vor Ort mit der Schaufel oder dem Sturmgewehr in der Hand zu schwitzen.

Eine Berufsarmee ist nur für Menschen attraktiv, die sich um einen Wehrdienst drücken wollen. Tüchtige Menschen sehen darin eine Herausforderung. Und bei aller Deutlichkeit, mit der auch die Schwächen des Bundesheeres zur Kenntnis zu nehmen sind: Den Guten war es immer eine Bestätigung. Mag auch die Kamarilla der Durchschnittlichen so manchen Guten beseitigt haben …

„Unsere Truppen hatten im Augenblick nichts so notwendig wie Artillerieunterstützung.
Wir setzten also unsere ganze verfügbare Brigadeartillerie ein: Vier alte Gebirgskanonen Muster 1889, die beim Schuss mit Stricken gehalten werden mussten, damit sie nicht der Bedienung gefährlich wurden.
Unser Parlament hatte ja besser als die Militärs gewusst, ob Gebirgstruppen moderne Geschütze brauchen oder nicht. Nun mussten die ersparten Kronen mit Blut bezahlt werden. Allerdings nicht mit dem Blut der Abgeordneten.“

Der Generalstabsoffizier der k.u.k. 14. Gebirgsbrigade, Oberstleutnant Walter Adam
(aus seinen Tagebuchaufzeichnungen über den Beginn des Ersten Weltkriegs)

 


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