Hauptversammlung 2014: Was dann zurückbleibt…

Was dann zurückbleibt…

Festvortrag von Bgrigadier Mag. Manfred Gänsdorfer anläßlich der Hauptversammlung der Offiziersgesellschaft Salzburg am 26.03.2014

Brigadier Gänsdorfer„Was dann zurückbleibt und Bundesheer heißt, ist ein sich für Paraden und Ausrückungen vorbereitender Verein, der in der Tradition der Vergangenheit lebt, sich Luftschlössern hingibt und die Öffentlichkeit über die traurige Wirklichkeit hinwegtäuscht.“

Die voranstehenden Zeilen könnten heute geschrieben worden sein, inhaltlich stammen sie aus einer Zeit vor 90 Jahren. Der österreichische Verteidigungsminister 2014 ist auf dem besten Weg, den seines Amtsvorgängers fortzusetzen, um das Militär in einen Zustand zu versetzen, der dem einstigen Befund General Körners über das Bundesheer der Ersten Republik entspricht. Da hilft es auch nicht, wenn er stets bemüht und schneidig erklärt, mit 180 Ideen zur „Attraktivierung“ des Rekrutenalltags gleich den Wehrdienst in seiner Gesamtheit zu reformieren. Dafür bedarf es mehr. Und das auch, aber nicht nur eine Frage des Geldes. Ja ich wage zu behaupten, dass selbst mit dem doppelten Budget das derzeitige System unseres Heeres nicht mehr Sinngehalt hätte. Es ist toll, wenn die Grundausbildung attraktiver wird. Aber wenn der Minister und die ihn umgebenden Propagandisten meinen, dies wäre auch schon eine Wehrdienstreform, täuschen sie sich selbst oder versuchen gar, die Öffentlichkeit zu täuschen. Denn die Wehrpflicht ist mehr als eine Grundausbildung, nach der die Grundwehrdiener (wohlmeinend als Lehrlinge des Militärs zu bezeichnen) – kaum haben sie das Ausbildungsziel erreicht – auch schon wieder entlassen werden und sinnloser Weise in keiner weiteren militärischer Verwendung zur Verfügung stehen.

Dies geschieht im krassen Gegensatz zum Gebot der Bundesverfassung (Art. 79 Abs.1), die ein Bundesheer nach den Grundsätzen der Miliz gebietet. Keines Heeres, das lediglich mit 16.000 Berufskadersoldaten 20.000 Rekruten pro Jahr ausbildet und sich damit bloß selbst beschäftigt. Mit einer Wehrpflicht, die zum Selbstzweck zu verkommen scheint und in dem Wehrpflichtige lediglich für ein paar Tage „einsatzfähiges personelles Füllmaterial“ für einen Kaderrahmen hergeben, der aus Berufssoldaten besteht. „Präsente Kräfte“ nennt man das dann, an deren „Einsatzbereitschaft nicht gerüttelt werden darf!“ Hallo? Ist da jemand blind?

Ein Rechenmodell

Es ist leicht auszurechnen, wie alleine von der Mannstärke her bei 20.000 Wehrpflichtigen und sechs Monaten Wehrdienstzeit diese präsenten Kräfte ausgestattet sind. 20.000, von denen man in Zukunft nur noch die Hälfte in der Systemerhaltung verwenden will. Bleiben in unserem Rechenexempel also maximal 10.000 Wehrpflichtige pro Jahr, die für eine ganz kurze, nur wenige Tage sogenannte mögliche Einsatzverwendung ausgebildet werden (obwohl es fraglich ist, ob gerade zu diesem kurzen Zeitraum ein tatsächlicher Bedarf für einen Einsatz des ÖBH vorhanden sein wird).

Aufgeteilt auf durchschnittlich 10 Einrückungstermine bleiben dafür also 1.000 Rekruten pro Monat. In den sechs Monaten ihres Wehrdienstes werden diese – sieht man z.B. von Hilfsdiensten wie Sandsackschlichten oder Schneeschaufeln ab – erst am Ende ihrer Wehrdienstzeit „einsatzverwendungsfähig“. Kaum haben sie also das Ausbildungsziel erreicht, werden sie auch schon entlassen. Im günstigsten Fall bilden sie gemeinsam mit Berufssoldaten, die das ganze Jahr über den Rumpf der Landstreitkräfte bilden, jeweils nach Einrückungstermin in einem Organisationsrahmen (z.B. Bataillon) nur für ein paar Tage die Einsatztruppe als Stückwerk eines Heeres. Und wenn es glückliche Umstände erlauben (z.B. Betriebsmittel vorhanden sind) üben sie vielleicht sogar.

Erst mit „Befüllung“ durch Grundwehrdiener werden die Organisationselemente der Landstreitkräfte zu einem militärischen Verband, den man zumindest von der Mannesstärke als Bataillon bezeichnen kann. 22 solche Bataillone sind es, die in den Landstreitkräften allerdings nie gleichzeitig existieren, zumal es durchschnittlich zehn Einrückungstermine gibt und die Rekruten zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Jahr – erst gegen Ende ihrer Ausbildung – die Einsatzverwendungsfähigkeit erreichen.

Voranstehendes Rechenexempel lässt die Sache noch besser erscheinen, als sie in der Realität dasteht. Denn in den gerundeten Zahlen an Wehrpflichtigen bleibt unberücksichtigt, dass die Tauglichkeitsraten dramatisch sinken und die Zivildienerzahlen steigen. Es bleibt unberücksichtigt, wie viele Wehrpflichtige bei den Unterstützungstruppen, Luftstreitkräften, Akademien und Schulen, Ämtern und Behörden ihren Sechs-Monate-Dienst leisten. Der Verteidigungsminister erklärt „schneidig“, dass an der Einsatzbereitschaft nicht gerüttelt werden dürfe. An welcher bitte? Der Schein von der Einsatzbereitschaft des Heeres reduziert sich im derzeitigen System auf die maximale Leuchtkraft einer Kerze in der Abenddämmerung – und niemand ruft: „Mehr Licht!“ Ich meine das durchaus nicht im Sinne Goethes auf dem Sterbebett.

Ich meine dies als zentrale These: Dieses System lebt (besser gesagt: siecht dahin) auf Grund der Apathie des Souveräns und seiner Vertretung.

Wenn wir ein Volksheer haben, das sich aus allgemein Wehrpflichtigen rekrutiert, muss das Heer auch ein – vom Verfassungsgesetzgeber als Gemeinschaftsaufgabe gefordert – Thema aller Bürger sein. Insbesondere eines der politischen Eliten, ganz besonders eines der politischen Parteien und der Abgeordneten in der Volksvertretung.

Diese hätte schließlich zu bestimmen, wo es lang geht, hätte das Budget in Gesetzesform zu verabschieden und hat beispielsweise darüber zu befinden, ob und wohin österreichische Soldaten in einen Auslandseinsatz geschickt werden. Sie ist es auch, die eine gesetzeskonforme Vollziehung durch den Verteidigungsminister zu kontrollieren hat ohne sich dabei nur auf „Sonntagsbesuche“ der Wehrsprecher zu verlassen. Wehrsprecher übrigens, deren Rekrutierung mitunter Fragezeichen aufwirft, wenn zum Zeitpunkt ihrer Bestellung bereits Klarheit darüber herrscht, dass sie bereits nicht einmal ein Jahr nach ihrer Angelobung aus dem Nationalrat ausscheiden, um die angeblich weit wichtigere Tätigkeit eines Stadtrates in einer Landeshauptstadt zu übernehmen.

These 2: Die Rekrutierungsmuster für Funktionsträger – sei es Minister oder Bereichssprecher – unseres politischen Systems liegen im Argen.

In der Politik werden „Blinde“ (in der Sache) rekrutiert, die der Führung durch „Blindenhunde“ bedürfen. Mitunter besitzen diese sogar militärtheoretische Qualifikation, haben aber – ersparen sie mir bitte Beispiele – häufig den Blick auf den Futternapf gerichtet. Die Fähigkeit, bis ans Ende ihrer Tage ihrem blinden Herrchen zu dienen, die den edlen Helfer des Behinderten auszeichnet, braucht sie auch gar nicht erst besitzen, da ihr Herrchen zumeist schon nach wenigen Jahren „das politisch Zeitliche“ segnet. Danach turnen sie quasi als „Erbe“ in eine Funktion, die „ihnen ja zusteht“ oder in eine, die sie sich schon vor Antritt ihrer „Begleiterdienste“ gesichert haben.

In Zusammenhangmit „Blindheit“ ist es wohl schicksalshafte Ironie, wenn ein Wehrsprecher einer Regierungspartei, der zwei Jahre nach Antritt seiner Funktion erklärte, als „Newcomer“ noch immer in der Einarbeitungsphase zu sein, zurücktreten musste, weil er in „guter Routine“ auf seinen Fahrten ins Hohe Haus am Ring auf einem Bahnhofsparkplatz an der Westbahnstrecke rechtswidrig einen Behindertenparkplatz benutzte.

Im Zusammenhang mit der „Beratungsnotwendigkeit“ fällt auf, dass diese sich seit Jahrzehnten aus dem Personenkreis eines bestimmten Dienstzweiges – ich nenne diesen ganz bewusst nicht „Generalstab“, weil es sich häufig lediglich um Offiziere des Generalstabsdienstes und nicht Angehörige des Generalstabs per se handelt – die uns mit ihrem Einfluss dorthin gebracht haben, wo wir heute stehen. Besonders interessant wird’s, wenn diese Beratertätigkeit in Personalunion mit einer hohen Funktion der Dienstnehmervertretung fällt und sich auf eine Einzelperson als „Intimberater“ oder nur wenige brave Gefolgsleute reduziert. Es mag die Sternstunde solcher einzelner Berater sein. Ob es der Sache dient, ist zu hinterfragen.

Ein Beispiel: Wenn etwa das gewichtigste Wort in die Beratung durch einen Berufsoffizier eingebracht wird, dessen Expertise aus einer kurzen Verwendungsphase eines Kraftfahroffiziers in einem Artilleriebataillon, einem Dienstrechtskurs mit Beamtenaufstiegsprüfung und dem Durchdienen in einem Amt bis hin zum Amtsleiter besteht, hege ich meine Zweifel. Das soll bitte meiner persönlichen Wertschätzung gegenüber dem Menschen keinen Abbruch tun. Zweifellos liegen auch unschätzbare Dienste in personalvertretender und gewerkschaftlicher Funktion vor. Die Folgerung, als für den Problemkreis Landesverteidigung verantwortlicher Politiker in der Sache gut beraten zu sein, bezweifle ich.

Das Resultat derartiger Konstellationen liegt auf der Hand: aus solcher Beratung erfolgt eher Standespolitik denn Sachpolitik. Ein Phänomen, das wir auch aus anderen Politikfeldern kennen – denken wir etwa an die Bildungspolitik, in deren Fokus stets die Beamtenschaft der Lehrer und ihr Dienstrecht stehen.

These 3: Die Pervertierung des politischen Primats

Als ein gewisser Burgenländer namens Darabos unseren Generalstabschef, General Entacher absetzen wollte, weil dieser in einem Profil-Interview seiner Überzeugung Ausdruck verlieh, dass es unter den gegebenen Umständen in Österreich vernünftiger wäre, bei der allgemeinen Wehrpflicht zu bleiben, berief er sich auf das politische Primat.

In einer ORF-live Diskussion zum Thema Spitzensport wurde er aus aktuellem Anlass (Anm.: unmittelbar davor war die Abberufung des Generals ein Thema in der ZiB2) spontan von der Moderatorin mit dem Thema „Entacher und Wehrpflicht“ konfrontiert und antwortete, dass es ihm als Minister zukäme, die Richtung vorzugeben und er sich von den Mitarbeitern erwarte, ihm diesbezüglich zu folgen. Ja als die entsetzte Moderatorin dies in Klartext übersetzte und nachfragte, ob denn dann, wenn jemand dies nicht täte, der Job weg wäre, antwortete er im Stil eines Papageis: „Ja, dann ist der Job weg!“ Und er ergänzte, dass es ja den Grundsatz vom politischen Primat gäbe.

Nicht nur ich wusste schon während dieser Sportdiskussion, dass es diesen im doppelten Wortsinn tatsächlich gibt. Mag sein, dass der damalige Minister eben so sozialisiert war – als Abgeordneter in hinteren Bankreihen, danach als Parteigeschäftsführer in vordere Reihen gerückt und dann gar das „große Los gezogen habend“ mit Ministerwürden versehen – und meinte, dass gefälligst alles nach der Pfeife eines Ministers zu tanzen habe. Ja dass selbst das Parlament, die Volksvertretung, sich gefälligst nach dem zu richten habe, was er vorgäbe. Selbst wenn dies genau das Gegenteil dessen wäre, was ihm diese Volksvertretung zur Exekution vorgeschrieben habe.

Die Uhren scheinen verkehrt zu gehen oder – anders gesagt – der Schwanz wedelt mit dem Hund. Dass dies kein Phänomen aus der Zeit einer der wohl unglückseligsten Personalentscheidungen in unserem politischen System war, sondern sich wiederholt, wird offenbar, wenn Kurz und Klug sich ein (scheinbares) Gefecht darum liefern, wer entscheidet, wann, wohin, wie viele und mit welchem Auftrag ausgestattete Soldaten in einen Auslandseinsatz geschickt werden. Denn weder Kurz noch Klug entscheiden – bekanntlich ist dies die Bundesregierung in ihrer Gesamtheit im Einvernehmen mit dem Hauptausschuss des Nationalrats.

These 3 scheint mir mit der vorgenannten eng verknüpft. Spätestens jetzt, nimmt man das in unserem politischen System ohnedies durch den Stellenwert der Parteien relativierte Prinzip der Gewaltenteilung und des politischen Primats (Legislative vor Regierung) ernst, ist erkennbar, wie wichtig eine umfassende Bildung unserer Volksvertreter wäre und welch wichtige Rolle den Bereichssprechern zukommt. Nicht nur bezüglich ihres unmittelbaren Wirkens in Plenum und Ausschüssen sondern bezüglich eines „Bildungsauftrags“ gegenüber ihren Klubkollegen. Das Aufkommen neuer politischer Gruppierungen, die nach dem Motto „Wünsch Dir alles, was Du willst – ich will einfach ein Mandat“ Einzug ins Parlament halten, stimmt mich nicht unbedingt froh. Zu hoffen ist lediglich, dass neue Konkurrenz beflügelt, im politischen Wettstreit populistische Oberflächlichkeit aufgezeigt wird und man die Verteilung der Stimmen nicht mehr als automatische Gabe einer einem ohnedies zugeordneten Klientel sieht. Mag sein, dass es nach den Personalvertretungswahlen im heurigen Jahr ein entsprechendes Erwachen geben wird. Es wäre für mich keine große Überraschung.

These 4: Der jahrelange Versuch, unter den gegebenen Rahmenbedingungen ein Präsenzheer aufzustellen, ist angesichts der Einsatzszenarien nicht nur anachronistisch – er ist sinnlos.

Es bedarf nicht der Berichte des derzeitigen GenStbChefs oder des Sportministers, um zu wissen, dass sich das ÖBH nicht erst jetzt, sondern bereits seit vielen Jahren (besonders ab der BHRK) in einem politisch ungewollten und daher strukturell bedingten Minus befindet.

Befremdlich dabei ist, dass stets die ‚eigenen‘ Ressortangehörigen diese Entwicklung geplant und unterstützt haben. Erst als der Punkt erreicht wurde, wo die ‚Besoldung‘ der viel zu zahlreichen beamteten Ressortangehörigen (rd. 16.200 überwiegend beamtete Berufsmilitärs und rd. 8.800 Zivilbeamte) mit 70 % des Budgets gefährdet erscheint (Kürzungen durch Wegfall von z.B. Überstunden und Übungszahlungen bereits vorgesehen), wird von diesen Personengruppen eine ‚Gefährdung des ÖBH‘ gesehen …

Wozu dient das ÖBH: Nicht um Arbeitsplätze für viel zu teure Beamte (Militär und Zivil) zu schaffen, sondern um im Bedarfsfall mit gut ausgebildeten und einsatzorientierten Bürgern in entsprechend ausreichender Zahl aufbietbar zu sein. Also ein, der österreichischen Bundesverfassung entsprechendes, aufwuchsfähiges Heer zu haben.

Werfen wir einen Blick auf die Einsatzszenarien, wie sie öffentlich auf dem Tisch liegen (fettgedruckt die Einstufung akut/nicht akut, bzw. die Aufgabenstellung für „präsente Kräfte“ und/oder Bedarfsheer):

Militärische Landesverteidigung (Kernaufgabe des ÖBH) Grundlage für Souveränitätsschutz, bei Verlust jahrelanger Wiederaufbau, Neutralitätsverpflichtung, Beitrag zur Zone gleicher Sicherheit im Rahmen der Verteidigungsbereitschaft des EU-Inlandes; WG §2 lit.a, nicht akut: B (Bedarfsheer), P (tw. Präsenzheer für LRÜ)
Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit im Inneren (Großveranstaltungen, Blackout, etc); WG §2 lit.b, nicht akut: B
Grenzüberwachung (1990 – 2007 2.200 permanent, 200.000 in Summe);
WG §2 lit.b, nicht akut: B
Cyber Attack 4.1 IT Experten im zivilen (Miliz) Bereich
4.2 große Zahl an Sicherheits – und Hilfskräften); WG §2 lit. b, nicht akut: B
Schutz kritischer Infrastruktur (400 strategische Betriebe ohne infrastrukturelle Verkehrswege u. Objekte ….); WG §2lit. b, nicht akut: B
Katastrophenhilfe (2002 Hochwasser 13.000 Mann); WG §2 lit. c, nicht akut: B
Auslandseinsätze (bisherige „Mischung“ aus Berufs- und Miliz/Reservestand unverzichtbar, „der strategisch denkende Soldat“, interkulturelle Kompetenz); WG§2 lit. c ständig: M (B)
Diese Szenarien rechtfertigen in „keinster Weise“ die Aufrechterhaltung eines Präsenzheeres (das im Grunde eigentlich nur ein Ausbildungsbetrieb ist, aber als „einsatzbereite präsente Kraft“ vom politisch Verantwortlichen und der Führungsriege der Ministerialbürokratie so dargestellt wird ). Schon gar keines solchen, das für das, was es „aufbringt“, seine Aufrechterhaltung 70 Prozent des Wehrbudgets für Personalkosten verschlingt und zu dem es weit kostengünstigere Alternativen gibt.

Aus den Einsatzszenarien ist abzuleiten, dass im Bedarfsfall kein Kaderrahmenbetrieb sondern aufwuchsfähige, gut aus- und weitergebildete und wirklich einsatzfähige militärische Kräfte für ein Bedarfsheer gebraucht werden. Aber eben erst für die im Bedarfsfall notwendigen Einsätze , z.B. zum militärischen Schutz der eigenen Bevölkerung, zur Sicherung kritischer Infrastruktur, zur Hilfeleistung nach oder bei Katastrophen u.a.m.

Andere Staaten beweisen, dass diese Aufgaben mit bereits ausgebildeten Wehrpflichtigen des Milizstandes zu bewältigen sind. Mit Soldaten, die zunächstin vier Monaten zur Fähigkeit der Erfüllung ihrer Einsatzaufgaben herangeführt werden. Danach üben sie zwei Monate in militärischen Milizeinheiten und stehen für Einsätze bereit. Regional rekrutiert, regional organisiert und ebenso regional geführt. Aus Talschaften oder Verwaltungsbezirken kommend. Und im Bedarfsfall in Dienst gestellt oder „mobilisiert“.

Eine darauf abzielende Ausbildung ließe wehrdienstwillige Jungerwachsene auch den Sinn ihres Dienstes an der Gesellschaft viel leichter erfassen. Im derzeitigen System des „Auffüllens von Rumpfverbänden“, in denen sie für einen wohl kaum stattfinden Schießkrieg ausgebildet werden und für wenige Tage ihrer Wehrdienstzeit „einsatzbereite Präsenz“ zeigen, darf dies bezweifelt werden.

These 5: Bleibt es, wie es ist, wird das Heer nicht bleiben

Das derzeitige System eines Kaderpräsenzheeres stammt aus der Zeit des Kalten Krieges. Wehrpflichtige wurden einst drei Monate lang „grundausgebildet“ und danach zu Truppenteilen in Einsatzverbände versetzt, wo sie sechs Monate lang dienten. Ein Wahlschlager des Jahres 1970 in Verbindung mit großer Unzufriedenheit in Sachen Wehrdienst hat damals zur Verkürzung der Wehrdienstzeit geführt. Die Wehrpflicht blieb erhalten, die Dienstzeit wurde realiter um 14 Tage verkürzt. Spannocchi und Co. „erfanden“ damals die Raumverteidigung und „entdeckten“ das Prinzip der Miliz. Das damalige Heer erfreute sich ob dieser glaubhaft vertretenen Grundsätze höchster Akzeptanz.

Der Kalte Krieg ist längst zu Ende und die Erfordernisse für militärische Kräfte haben sich dramatisch gewandelt. Heute gilt es nicht mehr, die Bereitschaft zu demonstrieren „den Raum zu verteidigen“ und die Dissuasion als strategisches Ziel zu verfolgen. Der Begriff des Raumes hat dennoch seine Bedeutung erhalten. Sie hat sich allerdings gewandelt und ihre Bedeutung liegt heute auf dem Lebensraum unserer Bevölkerung mit all seinen Einrichtungen für ein Leben in relativem Wohlstand. Mit sogenannter „kritischer Infrastruktur“ – teilweise nicht nur für uns in Österreich sondern auch für Europa.

Will das Heer nicht zum Selbstzweck eines Ausbildungsbetriebs verkommen, in dem die Wehrpflichtigen eigentlich nie Wehrdienst leisten, gilt es, mit Blick auf den Einsatz im zukünftigen Bedarfsfall (nicht auf den unwahrscheinlichen der Gegenwart) das sich auf die Wehrpflicht stützende derzeitige „System Bundesheer“ glaubhaft zu verändern.

Geschieht dies nicht, bleibt zwar die Wehrpflicht bis zum nächsten politischen Zuruf „in Stein gemeißelt“, sie erfährt in der derzeitigen Organisation jedoch kaum Sinngehalt. Eher lässt sie das derzeitige „System Bundesheer“ zum Perpetuum mobile militaris verkommen und verhindert geradezu dessen Aufwuchs eines Heeres für den Bedarfsfall. Dies wird irgendwann auch der Steuerzahler (und Wähler) erkennen, wobei die Prognose nach kaum steigenden Wehrbudgets kein Wagnis darstellt und wohl jede Alternative zum billigsten Wehrsystem der Welt nicht einmal mehr angedacht werden muss.

Der Minister hat bei seiner Bestellung durch den Bundespräsidenten gelobt, in seiner Amtsführung die Gesetze der Republik getreulich zu beachten. In ähnlichem Maße gilt dies für die Beamtenschaft. Eine Reform der Grundausbildung macht noch lange keine Reform des Wehrdienstes – es wäre höchste Zeit, endlich diese Reform anzugehen. Eine Reform, die nicht nur dem Bedarf entspricht, sondern auch dem Auftrag des Verfassungsgesetzgebers nachkommt. Noch lebt die Chance hierzu.

Wird sie nicht ergriffen, wird wohl – der einstigen Bewertung General Körners entsprechend – das was zurückbleibt und Bundesheer heißt, ein sich für Paraden und Ausrückungen vorbereitender Verein bleiben, der in der Tradition der Vergangenheit lebt, sich Luftschlössern hingibt und die Öffentlichkeit über die traurige Wirklichkeit hinwegtäuscht. Dass dabei sich vielleicht noch zwei Minister ein Scheingefecht um die Entscheidungsbefugnis für eine Auslandsentsendung von einem Dutzend Angehöriger eines solchen Vereins liefern, wäre aus aktuellem Anlass zu ergänzen.

Resümee:

Heraus aus den Sesseln! Hinaus in den alltäglichen Dialog! Vom Stammtisch bis hin zu akademischen Zirkeln! Dort liegt die Herausforderung für morgen, dort liegen auch die Chancen für die österreichischen Offiziersgesellschaften, Mitglieder zu gewinnen und gemeinsam mit anderen Vorfeldorganisationen Stimmen zu bewegen – in einem Land in dem Politik längst nicht mehr das Ringen um eine gemeinschaftsnotwendige Ordnung geblieben ist, sondern sich auf eine Auseinandersetzung um Mandate reduziert zu haben scheint.

Weder ein Minister, noch seine Führungsriege, brauchen uns belehren, dass angesichts des Scherbenhaufens, den sie und ihre Vorgänger angerichtet haben, nunmehr das Bundesheer nach den Grundsätzen der Aufgabenorientierung und der Einsatzwahrscheinlichkeit neu auszurichten wäre. Gleichsam als Eingeständnis dafür, sich anderswie orientiert zu haben. So, als hätten sie am derzeitigen Desaster nie Mitverantwortung getragen. Der heutige Zustand des Heeres ist jedenfalls zu einem guten, wenn nicht überwiegenden Teil von den agierenden Personen und Personenkonstellationen der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit in der Ministerialbürokratie geprägt. Dass dabei Haltungen zutage traten, deren Charakterisierung durch kritische Beobachter als „rückwärtsgewandte Größenphantasie“ (Anm.: Afghanistan, Tschad, Berufsheer, Expeditionskorps etc.) durchaus verständlich erscheinen lassen und jeden wehrpolitischen Realitätssinn vermissen, ist für mich bedenklich. Noch bedenklicher ist freilich, wenn sich die Angehörigen der Führungsriege, die einen Neuaufbau schaffen soll, zu einem guten Teil aus diesem Personenkreis rekrutieren. Mag sein, dass hier andere Motive maßgeblich waren.

WIR SELBST sollten unseren Volksvertretern sagen, wie die Sache ÖBH zu beurteilen ist und was nun zu machen ist. Wozu gibt es seit einigen Jahren z.B. klare Ausarbeitungen und Beschlüsse der Offiziersgesellschaften? Mangelndes Selbstvertrauen und überentwickeltes Obrigkeitsdenken (mitunter unangebrachter Respekt vor dem oberflächlichen Glanz der Sterne oder sich auf Formalqualifikationen berufende Beamte) sind freilich dafür keine geeignete Basis.

Also: Heraus aus den Sesseln, wenn es uns um die Sache geht. Konfrontieren wir jene, die das Sagen haben sollten, mit dem Notwendigen: „Sechs plus Null ergibt zwar rechnerisch sechs, aber lange noch kein Bedarfsheer! Ein solches wäre gar mit Vier plus Zwei gegeben – dass dies möglich ist, beweisen ausländische Beispiele.“ Öffnen wir Ihnen die Augen, dass in diesem Land seit Jahren – vermutlich nicht nur in Sachen Landesverteidigung – Standespolitik (manche nennen es gar „Klüngelwirtschaft“) betrieben wird. Und wenn ich die Runde sehe, erkenne ich viele hier vor mir, die eine entsprechende Expertise dazu mitbringen – frei von persönlichen Laufbahninteressen oder Rücksichtnahme auf Politiker, denen es primär um den Erhalt von Politikerbezügen geht, die mitunter den Anschein haben, das Bewusstsein ihres Beziehers zu erweitern.

Wir haben hierzu auch ein wesentliches Mittel. Wir besitzen Kapital. Ich meine hier nicht ein prall gefülltes Vereinskonto, wie sich vielleicht im Rahmen des Rechenschaftsberichts des Kassiers herausstellen mag. Ich meine auch nicht das Humankapital, das sich aus der Mitgliederzahl ergibt. Das, was ich ansprechen will, ist das Soziale Kapital, das in einer immer stärker wachsenden Bürgergesellschaft zählt. In der politischen Soziologie (s. Putnam, Harvard) gibt es den Grundsatz, dass nicht der ökonomische Entwicklungsstand, sondern soziales Kapital die wichtigste Voraussetzung für die Effizienz demokratischer Institutionen sei. Dabei geht es weniger um die natürlichen Personen, als um die Beziehungen zwischen ihnen – also um deren Netzwerke. Und diesbezüglich ist es mir gerade bei der OG Salzburg nicht bange.

John F. Kennedy hat in seiner Inaugurationsrede gemeint: „Getrennt können wir fast nichts tun – gemeinsam nahezu alles“!

Dort, Kameraden, liegt unsere letzte Chance. Die Chance, wieder ein Bundesheer zu erleben, das in seinem Namen dem Anspruch eines Heeres gerecht wird. Nicht als Selbstzweck, sondern um in unserer Gesellschaft Schutz und Hilfe leisten zu können. Die Hoffnung lebt, wieder einmal sagen zu können: „Es lebe das Österreichische Bundesheer“. Glaubt mir, ich würde das sehr, sehr gerne heute schon sagen. Aber ich freue mich sagen zu können: Es lebe die OG Salzburg!

Oberst Dr. Seeauer und Brigadier Mag. Gänsdorfer

OGS Hauptversammlung 2014: Präsident Oberst Dr. Erwin Seeauer und Brigadier Mag. Manfred Gänsdorfer (von links)